Erfahrungsbericht von Arnika neu Reja aus Ungarn
Publiziert: Dienstag, 04.10.2022
Am 17. Februar 2021 nahmen wir Reja, eine damals ca. 14 Monate alte Malinois-Schäfermischlingshündin, in Wädenswil in Empfang. Die Rückfahrt nach Basel verlief sehr gut und Reja hat sogar ein wenig geschlafen, so dass wir schon etwas entspannter waren, da wir ja nicht sicher waren, wie sie auf uns reagieren würde. In Basel angekommen, wollte sie am Anfang jedoch zuerst nicht in den Hauseingang hinein und dann auch nicht die Treppe hinauflaufen. Als wir mit ihr dann das erste Mal rausgehen wollten, wollte sie auch nicht runterlaufen. Die Treppe runtergehen war für sie am Anfang so stressig, dass sie sich nicht einmal mit Futter locken liess. Dazu kam, dass sie sich nur sehr ungern tragen liess. Wir brauchten daher mehrere Tage und viel Geduld, bis sie ohne Probleme in das Haus hineinging und die Treppe hoch- und runterlief. Sie wurde aber sehr schnell stubenrein und hatte keine Angst vor uns. Sie wurde eher sehr schnell anhänglich und folgte uns innerhalb der Wohnung, wenn wir von einem Zimmer ins andere gingen.
Wie zu erwarten, wollte sie draussen auf Spaziergängen am Anfang alle Essensreste vom Boden fressen, die sie finden konnte. Dies bedeutete für uns zu Beginn grossen Stress, da bei uns in der Gegend sehr viele Sachen herumlagen, und Reja etwa auch alte Kaugummis frass, welche in den meisten Fällen das für Hunde giftige Xylit enthalten. Mit einem Fokus-Training auf uns und einem «Nicht fressen»-Kommando bekamen wir dies jedoch je länger desto besser im Griff. Das Reja ihr Futter aus der Schüssel erst auf Kommando fressen durfte, hat sicher auch dazu beigetragen, dass sie schnell eine gewisse Impulskontrolle entwickelt hat. Zu Hause hat sie aber zu Beginn auch versucht, Essen von der Küchenablage zu klauen (unter anderem Äpfel) wenn wir in einem andern Zimmer waren. Dies konnten wir ihr aber auch bald abgewöhnen.
Wie wir durch die Videos von Reja bereits erahnen konnten, ist Reja ein sehr submissiver und unsicherer Hund. In Situationen mit vielen Einflüssen (stark befahrener Strasse mit Tram und Menschen) zeigte sie sehr starkes Meideverhalten – sie wollte am liebsten wegrennen, machte sich klein und schaut hektisch herum. In gewissen Situation kamen aber auch die – wohl rassentypischen – Merkmale (Malinois = «Fight») zum Vorschein. Ab dem vierten Tagen hat sie angefangen in gewissen Situationen (z.B. bei Vorbeifahrt eines Trottinets oder bei Menschen, die sich «komisch» verhielten etc.) zu bellen und nach vorne zu gehen um die Menschen zu vertreiben. Auch zu Hause hat sie einen starken Verteidigungsdrang entwickelt und jedes Mal, wenn jemand an der Wohnungstür vorbeilief, oder zu Besuch gekommen ist, gebellt. Mit Hilfe von Gegenkonditionierung und durch das Abnehmen der Verantwortung ist dies über die Zeit immer besser geworden. Doch auch heute gibt es immer noch wenige Situationen, wo Reja aus der Haut fährt. Wir vermutet, dass diese Situationen mit schlechten Erfahrungen aus Ungarn zusammenhängen. Wir sind etwa acht Monate, nachdem Reja zu uns gekommen ist, aus der Stadt weggezogen, in eine ruhigere Wohnung mit Garten und in Waldnähe. Das hat die Situation für uns alle entspannt, da die Umgebung nun viel reizarmer ist und Reja nun mehr zur Ruhe kommt. Auch gerade hinsichtlich der Hitze im Sommer, unter der Reja sehr leidet, war der Umzug von Vorteil, da es am neuen Ort nachts viel besser abkühlt und es bei den Spaziergängen im Wald viel kühler ist. Zudem hat sie hier einige gute Hundefreunde gefunden, mit denen sie regelmässig spielen kann.
Gegenüber Hunden hat sie von Anfang an keine Aggressionen gezeigt, beziehungsweise war sie immer sehr submissiv. Am Anfang war ihr Interesse an andere Hunden sehr gross, und sie hätte am liebsten mit jedem Hund in Sichtweite interagiert und gespielt. Dank viel Training können wir jetzt aber ohne Probleme an anderen Hunden vorbeigehen.
Als sie sich etwas bei uns eingelebt hatte (nach ca. 3 Wochen) besuchten wir bei der Hundeschule ProCane die Junghundegruppe mit ihr, wo sie sehr schnell viele Fortschritte gemacht hat. Dazwischen hatten wir einige Einzelstunden bei unserer Hundetrainerin genommen, um Unterstützung bei den oben genannten Schwierigkeiten zu holen. Reja und wir machten so schnell Fortschritte, dass wir nach 2 Monaten in die Alltags- und Begegnungsgruppe der Hundeschule wechseln konnten. Neben der Hundeschule begannen wir mit der Objektsuche (Suchen von versteckten Feuerzeugen) und dann später mit Obedience und Mantrailing. Rassetypisch ist Reja bei allen drei Hundesportarten sehr motiviert dabei und macht sehr schnell Fortschritte. Der Hundesport hat auch geholfen, Reja mehr Selbstvertrauen zu geben und ihr Misstrauen gegenüber unbekannten Menschen abzubauen. Beim Obedience bereiten wir uns jetzt auf die erste Prüfung (Beginners) vor. Wenn wir nicht gerade Hundesport betreiben, gehen wir mit ihr längere Spaziergänge machen oder wandern. Wir haben auch Canicross ausprobiert, aber Reja hat hierbei bisher nicht so viel Motivation gezeigt. Wir mussten aber neben der Auslastung von Reja auch von Anfang an schauen, dass sie genug zur Ruhe kam, um sich genügend regenerieren und Stress abbauen zu können. Am besten kann sie entspannen, wenn sie neben uns auf dem Sofa liegt oder auf ihrem Bett, wenn wir im gleichen Zimmer sind und ruhig etwas erledigen. Sehr viel Stress bereitet ihr noch, wenn sie allein bleiben soll oder auch nur einer von uns beiden weggeht, wobei sie sehr gut allein im Auto bleiben kann. Das Alleinlassen ist sicher noch ein Punkt, den wir weiterhin trainieren müssen.
Leider mussten wir in den letzten 1,5 Jahren immer wieder zur Tierärztin. Als Mitbringsel aus Ungarn hatte Reja leider Babesiose mitgebracht. Da das Medikament, welches zwei Mal innert 2 Wochen gespritzt werden musste, sehr brannte, mussten wir nachher immer wieder ohne dass eine Behandlung anstand zur Tierärztin, um die schlechte Erfahrung zu neutralisieren. Des Weiteren hatte Reja eine Giardien-Infektion und eine weiter Darminfektion, welche beide nur mit Antibiotika behandelt werden konnten. Auch an den Pfoten und an verschieden Stellen auf der Haut hatte sie Probleme. Sie hatte auch immer wieder Entzündungen des dritten Augenlieds. In Moment geht es ihr jedoch abgesehen von rissigen Pfotenballen gut.
Reja ist unser erster eigener Hund. Wir hatte in unserer Kindheit jedoch beide schon mit Hunden zu tun (Grosseltern, Patenhund). Bevor wir Reja bei uns aufgenommen haben, informierten wir uns über Hundeerziehung mit Bücher und Videos und waren bei einer Züchterin. Des Weiteren haben unsere Wohnung so umgestaltet, dass sie so hundesicher wie möglich war, haben eine Hundeschule herausgesucht, das nötige Material besorgt und unsere Arbeits-/Uni-Pensen aufeinander abgestimmt, damit wir die Betreuungszeiten abdecken konnten. Da Reja mit verschieden «Schwierigkeiten» zu uns kam, hat sich die Vorbereitungen allemal gelohnt. Neben der Hundeschule haben wir uns aber auch seither weiter mit dem Thema Hundeerziehung und Hundetraining befasst, in dem wir ein dreiteiliges Seminar über Hundekommunikation besucht und weitere Bücher gelesen haben.
Trotz allen Schwierigkeiten und Herausforderungen sind wir sehr froh Reja in unserem Leben zu haben und würden sie nie wieder hergeben. Wir sind zu einem guten Team zusammen gewachsen, welches stetig Fortschritte macht, und lernen jeden Tag etwas neues. Wir möchten nicht mehr missen, dass sie spielerisch auf unseren Armen herumkaut, sich auf dem Sofa an uns kuschelt, freudig-erwartungsvoll neue Kommandos lernen möchte oder einen kleinen Baum im Maul tragend hinter uns über den Waldweg tapst.
Kommentare
Einen Kommentar schreiben