Erfahrungsbericht von Tami-2 aus Ungarn
Publiziert: Dienstag, 09.05.2023
Tami wurde am 17. November 2021 auf einem Bauernhof in Ungarn geboren. Sie ist Ende April 2022 mit gut 5 Monaten zu uns gekommen, nachdem sie mehrere Wochen in einem Tierheim in der Ostschweiz verbracht hatte. Inzwischen ist sie somit knapp ein Jahr bei uns am Hof und fester Bestandteil der Familie. Tami ist uns sofort ins Herz gewachsen: Sie ist eine sensible und lernfreudige Hündin, welche die Nähe zu ihren Menschen sucht und gerne alles richtig macht. Sie liebt abenteuerliche Spaziergänge und Wanderungen, konzentriertes Arbeiten am Hundeplatz, Longieren, Nasenarbeit aller Art, Schmusen und Spielen. Sie fährt gerne Auto, aber auch Gondeli, Bus, Zug und Schiff machen ihr nichts aus. In dieser Hinsicht ist sie eine unkomplizierte Begleiterin und für alles zu haben.
Tami bringt aber auch viele Herausforderungen mit sich. Einerseits war ihre Gesundheit vor allem bezüglich ihrer Verdauung von Beginn an ein Thema. Sie hatte einen starken Giardienbefall mit sehr starkem und hartnäckigen Durchfall. Sie konnte das Kotabsetzen über fast sechs Wochen kaum kontrollieren, auch nachts nicht. Da sie gewohnt war, ihre Geschäfte auf festem Untergrund zu verrichten und allgemein ziemlich angespannt war, zeigte sie kaum an, wenn sie nach draussen musste. Um die Giardien und die Stubenreinheit in den Griff zu bekommen, waren wir also ständig am Gassigehen, Putzen, Waschen, Schonkost Kochen... Auch nach den ersten Wochen ist Durchfall ein Thema geblieben. Tami hat zwar bis zum 13. Monat normal an Gewicht zugenommen (bis 29 kg), dann aber (vermutlich) eine Magenschleimheitentzündung gemacht, die alles wieder durcheinander brachte. Trotz tierärztlicher Behandlung (d.h. eine Klinik- und Parxisodyssee mit diversen Abklärungen und Medikamenten) hat sie über fünf Wochen erbrochen und dabei 10 Kilos verloren. Das Erbrechen stellte sich Mitte Januar 2023 ein, aber die Verdauungsprobleme sind geblieben. Tami konnte die Kilos nicht wiedergewinnen und wog zeitweise nur noch 19 kg, während ihre ansonsten identische Schwester in Zürich 32 kg wiegt (ich bin mit den Besitzerinnen von zwei Wurfgeschwistern in Kontakt).
Wir haben u.a. einen Ultraschall aller relevanter Organe, ein grosses Blutbild mit allen gastrorelevanten Werten und einen Dysbiose-Index (Darmflora-Screen) machen lassen, auf Morbus Addison und Erkrankungen der Schild- und Bauchspeicheldrüse abgeklärt, den Kot auf Parasiten untersuchen lassen sowie eine Ausschlussdiät mit einem hochverträglichen, vom Tierarzt bestimmten Monoproteinfutter durchgeführt. Die medizinischen Untersuchungen haben eigentlich nichts ergeben, alle Werte sind gut. Obwohl die Werte eigentlich nicht darauf hindeuten, könnte eine IBD dahinterstecken, eine Fehlernährung der Mutter, oder aber psychische Ursachen. Verschiedene kinesiologische Sitzungen haben ergeben, es stecke eine Gewalterfahrung bzw. ein Traumata dahinter, das sie erst verarbeiten müsse.
Tami erhält heute selbstgekochtes Kaninchenmuskelfleisch mit einem Kohlehydrat und Karotten, dazu Verdauungsenzyme, Probiotika und natruheilkundliche immunregulierende und verdauungsstärkende Mittel. Alles vorherige Futter nahm sie kaum auf, konnte nicht an Gewicht gewinnen und hatte wiederholt breiigen oder wässrigen Kot. Mit dem Kaninchenfleisch haben wir etwa zwei Kilos zurückgewonnen und hoffen nun, dass es so weitergeht und sie stabil bleibt. Tami ist zwar immer noch sehr dünn, aber fidel. Diese Zeit hat uns allerdings viel Ressourcen gekostet, finanziell, aber v.a. auch emotional. Es tat uns so leid für sie, da sie ständig Hunger anzeigte! Gleichzeitig war sie in ihrem Hunger kaum ansprechbar und sehr jagdtriebig, so dass die Spaziergänge extrem anstrengend waren. Auch das Training war erschwert, da Futterbelohnungen zeitweise nicht oder kaum möglich waren. Und womit ihr Bedürfnis zum Kauen und Schlecken stillen?
Neben den gesundheitlichen Herausforderungen ist Tami von ihrer Genetik und (mangelden) Sozialisierung her ein nicht ganz einfacher Hund. Sie ist reizempfindlich und reaktiv, und insgesamt eher unsicher, wobei sie im Zweifelsfall nach vorne geht. Sie hat(te) eine ausgeprägte Leinenagression, einen kernigen Jagdtrieb, der mitunter Autos und Katzen einschloss bzw. einschliesst, und griff auch schon unsere Pferde an. Durch unglaublich viel Arbeit, Geduld und Konsequenz ist sie (einigermassen) leinenführig geworden, konnte ihre Unsicherheit anderen Hunden gegenüber teilweise abbauen, löst weniger oft, in weniger Situationen, später und weniger stark aus. Autos sind kaum ein Thema mehr, inzwischen kann sie gut an befahrenen Strassen entlang gehen. Generell sind viele frühere Trigger weggefallen. Im Haus ist sie wesentlich ruhiger und entspannter geworden. Im Hundehort wird sie geliebt, in der Hundeschule ist sie eine Musterschülerin, in reizstarken Umgebunden wie der Stadt schlägt sie sich inzwischen auch recht gut - Maulkorb bleibt dort allerdings Pflicht, v.a. zum eigenen Schutz vor allfälligen Übersprungshandlungen, wenn es zu engen Hundebegegnungen kommt. Schon ein Spaziergang durch das Dorfquartier braucht nach wie vor viel Zeit, denn sie ist immer noch reizempfänglich, besonders in "Katzenquartieren", phasenweise jagdtriebig und sehr unsicher beim erstmaligen engen Kreuzen mit anderen Hunden. Trotz viel Katzentraining verträgt sie sich noch nicht mit unseren drei Hofkatern. Sie ist um den Hof immer angeleint, weil sie die Katzen jagt und auch verletzen würde, und im Haus wird sie angespannt, wenn sie die Katzen draussen bemerkt. Generell hat sie einen gewissen Hang zum "Polizisten", wenn ich sie also nicht auf den Platz und zum Entspannen schicke, läuft sie manchmal ihre "Wachposten" ab, von denen sie übers Tal und auf den Hof sehen kann.
So herausfordernd dieses erste Jahr auch war (und das war es wirklich!), wir würden Tami nie mehr hergeben und haben viel Spass und Freude mit ihr. Sie lehrt uns enorm viel, und wir freuen uns auf unseren weiteren gemeinsamen Weg und hoffen, dass Tami gesund, geborgen und zufrieden sein wird. Wir danken animal-happyend für die sorgfältige Vermittlung und das grosse Engagement. Potenziellen Hunde-Interessenten legen wir nahe, sich vor der Anschaffung gut mit den Hudnen auseinanderzusetzen. Weil ehrlich: Wir haben es als grosse Herausforderung eingeschätzt und dennoch unterschhätzt...
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