Bericht Menhely Kecskemét, 29. -31. März 2025
Publiziert: Dienstag, 08.04.2025
Reisebericht von Susanne Litschi
Da mein letzter Trip nach Ungarn bereits einige Jahre zurücklag, wollte ich die Gelegenheit nutzen, den Hunden im Tierheim einen erneuten Besuch abzustatten – und gleichzeitig meine liebe Freundin Ornella wiederzusehen.
Mein erster Halt war dann auch bei ihr. Die meisten ihrer vierbeinigen Schützlinge begrüßten mich freudig – mit Ausnahme des Herdenschutzhundes Noshi. Er fand mich eher überflüssig und ließ mich das auch deutlich wissen. Wer könnte es ihm verdenken? Als Welpe wurde er von Ornella verletzt und traumatisiert aufgefunden und liebevoll aufgepäppelt. Unzählige Narben zeichnen sein Gesicht, und man kann nur erahnen, was er alles durchmachen musste.
Als Böbe freudig um die Ecke gerannt kam, war die Freude besonders groß. Es grenzt an ein Wunder, dass sie überhaupt noch lebt. Im Tierheim verschlechterte sich ihr Zustand täglich, und niemand wusste weiter. In der Tierklinik wurde schließlich eine Autoimmunerkrankung festgestellt – damit war klar, dass sie so nicht ins Tierheim zurück konnte.
Trotz Platzmangel fand Böbe ein liebevolles Zuhause auf Zeit bei Ornella. Sie wird dort fürsorglich betreut und erhält ein ganzes Arsenal an Medikamenten. Ihr geht es gut – so gut, dass wir hoffen, eines Tages Menschen mit einem großen Herzen zu finden, die bereit sind, den gesundheitlichen Herausforderungen mit ihr gemeinsam zu begegnen. Böbe hätte es so sehr verdient.
Man könnte ein ganzes Buch darüber schreiben, warum immer wieder Hunde bei Ornella landen. Es sind definitiv nicht die jungen, süßen und unkomplizierten – sondern die Vergessenen, Verletzten und Herausfordernden. Viele dieser Hunde haben bei ihr ein „Für-immer-Zuhause“ gefunden. Für Böbe und Potya jedoch geben wir die Hoffnung nicht auf, dass auch sie eines Tages ihre Menschen finden. Beide sind auf der Website von animal-happyend zu finden.
Last but not least Valentin: Er kam ins Tierheim – völlig verängstigt, über Wochen unzugänglich und wie erstarrt vor Angst. Es war schnell klar: Für Valentin bedeutete das Tierheim kein Leben, sondern reines Ausharren. Eine Mitarbeiterin vor Ort, Anna, die sich liebevoll um besonders ängstliche Hunde kümmert, wandte sich schließlich an Ornella mit der Bitte um Hilfe.
Valentin hatte dort keine Chance – nicht einmal den Hauch einer Perspektive auf Besserung.
Bei Ornella durfte er in ein ruhiges Zuhause ziehen, in dem er sich zurückziehen und sein eigenes Tempo bestimmen kann. Während er mit anderen Hunden gut zurechtkommt, bleibt er Menschen gegenüber äußerst misstrauisch. Nur Ornella kann ihn anfassen – nach einigen Wochen gelang es ihr schließlich sogar, sein viel zu enges Halsband zu entfernen.
Ich selbst habe immer Abstand gehalten, um ihn nicht zusätzlich zu belasten – doch selbst auf Entfernung war deutlich zu sehen: Er wäre am liebsten unsichtbar gewesen.
Vielleicht ist es besser, dass er nicht erzählen kann, was er erlebt hat. Seine Geschichte möchte man vermutlich gar nicht kennen.
Ornella verdient meine tiefste Hochachtung. Ich weiß nicht, wie sie all das meistert. Vermutlich hat ihr Tag mehr Stunden als meiner. Dass ihr Telefon alle fünf Minuten wegen irgendeines Notfalls klingelt, fällt einem nach ein paar Stunden gar nicht mehr auf.
Das Füttern der Hunde gleicht einer Wissenschaft – jeder bekommt eigene Medikamente und Zusätze, und man muss ständig ein Auge darauf haben, dass kein Futterneid entsteht. Neben den Hunden leben auch zwei Schafe, Globi der Ziegenbock und Garfield die Katze bei ihr.
Langweilig wird es nie: Eine fremde Katze, die sie kastrieren ließ, erholt sich derzeit bei ihr von der Operation, bevor sie an ihren ursprünglichen Platz zurückkehrt. Auch drei ungewollte Welpen waren vor Ort – sie dürfen bald zu einem Tierschutzverein reisen und werden von dort aus an liebevolle Familien vermittelt.
Tag zwei: Besuch im Tierheim
Was für ein Kontrast zu den fast paradiesischen Zuständen bei Ornella. Hunde, soweit das Auge reicht – in allen Größen, Rassen und Altersstufen.
Gleich beim Eingang befindet sich ein großer Zwinger mit Schäferhunden. Diese Rasse hat einen besonderen Platz in meinem Herzen – entsprechend schwer war es, sie so gestresst und leidend zu sehen. Herold, ein typischer Vertreter seiner Art, lebt seit Juli letzten Jahres im Tierheim und ist völlig überfordert. Auch Filomena, eine energiegeladene Mali-Mix-Hündin, weiß kaum wohin mit sich und springt wie wild umher.
Auf der anderen Seite ein Zwinger voller Welpen. Natürlich wünscht man sich auch für sie ein schöneres Leben, aber hier ist zumindest die Hoffnung groß, dass sie bald ein Zuhause finden.
Neben Schäferhunden liebe ich auch Senioren. Kein alter Hund sollte seinen Lebensabend im Tierheim verbringen. Es zerreißt einem das Herz, wenn sie am Gitter stehen und einen ansehen, als wollten sie sagen: „Bitte, hol mich hier raus.“
Ich muss oft schmunzeln, wenn Menschen mir sagen, wie toll sie es finden, dass ich (und natürlich auch viele andere) ins Tierheim gehen – sie selbst könnten das aber nicht. Natürlich könnten auch wir uns angenehmere Orte vorstellen. Und ja – es nimmt uns mit. Aber irgendwer muss es tun. Und wenn wir mit unserem Besuch nur ein paar Hunden eine Stimme geben können, dann hat es sich gelohnt.
Man kann immer irgendwie helfen – auch aus der Ferne: als Pflegestelle, als Adoptant oder mit Spenden. Jeder Beitrag hilft, Tierleid zu lindern.
Zurück ins Tierheim
Auf jeden einzelnen Hund einzugehen, würde den Rahmen sprengen. Momentan befinden sich etwa 280-350 Hunde in der Obhut des Tierheims. Man kann sich den konstanten Lärm und die angespannte Atmosphäre nur schwer vorstellen, wenn man es selber nie erlebt hat.
Ein riesiges Dankeschön gilt dem engagierten Team vor Ort – und ganz besonders den freiwilligen Mentoren, die jeden Samstag ins Tierheim kommen, um Zeit mit den Hunden zu verbringen. Für viele von ihnen der einzige Lichtblick in der Woche.
Im hinteren Bereich befinden sich Hunde, die einzeln gehalten werden müssen – viele von ihnen sind sogenannte „Listenhunde“, die unter furchtbaren Bedingungen bei verantwortungslosen Menschen lebten, bevor sie ins Tierheim kamen. Leider sind in Ungarn auch Hundekämpfe noch immer ein Thema.
Diese Schicksale sind besonders schwer zu ertragen, denn viele dieser Hunde haben kaum eine Chance auf Vermittlung. Umso schöner ist es, dass einige von ihnen Paten und Patinnen aus der Schweiz haben – so geraten sie nicht vollständig in Vergessenheit.
In diesem Bereich leben auch jene Hunde, die bereits vermittelt wurden und bald zu ihren neuen Familien reisen dürfen. Es ist der schönste Ort im Tierheim – die Belohnung für all unsere Mühen bei animal-happyend. Zu wissen, dass sie es geschafft haben, ist unbezahlbar. Drei davon sind Rufina, Zora und Bruno! Sie alle dürfen im Mai in die Schweiz zu Pflegestellen.
Die Zeit verging wie im Flug. Und sie hat mir wieder einmal die Augen geöffnet, wie viel Glück wir haben, in einem Land wie der Schweiz zu leben, wo Hunde meist als Familienmitglieder behandelt werden – und nicht wie Ware, die man entsorgt, wenn sie ihren Nutzen nicht mehr erfüllt.
Fairerweise muss man aber auch dazu sagen, dass wir die finanziellen Mitteln dazu haben. Nicht nur die Hunde vor Ort leben zeitweise unter sehr traurigen Verhältnissen sondern auch die Menschen.
Während ich diesen Bericht schrieb, erreichte mich die traurige Nachricht, dass Globi, der Ziegenbock, verstorben ist. Er lebte elf Jahre bei Ornella. So traurig sein Tod ist – hätte er damals nicht ihren Weg gekreuzt, hätte er diese wunderbare Zeit nie erlebt.
Mein Fazit dieser Reise: Die Welt wäre ein besserer Ort, gäbe es mehr Menschen wie Ornella. Es ist ein Segen, dass sie sich damals an animal-happyend wandte, um den Hunden in Kecskemét eine Chance auf ein besseres Leben zu geben.
Für jeden einzelnen Hund im Tierheim wünsche ich mir von Herzen, dass er bald seine Menschen findet – und endlich glücklich sein darf.
Wie sagte Mark Twain so schön: „Das Geheimnis des Vorankommens liegt darin, anzufangen.“
Also packen wir es an – und geben denen eine Stimme, die keine haben!
Kommentare
Kommentar von Lisa F. |
Ich war sehr berührt von diesem Bericht. Ich selbst habe schon fünf Hunde und es ist wahr dass Tiere nach wie vor wie Ware behandelt werden. Traurig aber war! Ich lebe im Moment in Italien und sehe mit an wie mit "Hof-", Jagd- und anderen Hunden umgegangen wird. Es sind nicht alles schlechte Menschen doch ihre Ansicht über Bedürfnisse der Tiere ist nicht mehr zeitgemäss.
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